FRAUENVERSTEHER (Februar 2020)

Im Rahmen der der Veranstaltung "Leipzig liest... in Plauen" durfte ich am 29.05.2021 als eine von neun Autor:innen in der Galerie Forum K aus meinem Manuskript "Die Rühreikonstante" lesen. Die Aufzeichnung findet ihr hier.

Wer LIEBER LESEN MAG:

Februar 2020

 

Ich bin aufgeregt. Wir sind uns vor einem Jahr auf einer Networking Party (Ich muss jetzt schon würgen, wenn ich dieses Wort aufschreibe.) begegnet. Damals waren wir beide noch irgendwie mehr oder weniger vergeben. Jetzt sind wir es nicht mehr. (Was er sich durch versucht versteckte Nachfragen seinerseits auch von mir bestätigen lassen wollte.) Wir telefonieren und wie der Zufall es will, muss ich für eine Projektbesprechung ausgerechnet in die weitentfernte Großstadt - in der er wohnt - ein Bundesland weiter.

 

Mr. Batman… wie er im Folgenden genannt wird, möchte mit mir Zeit verbringen. Die freundliche und höfliche Kommunikationsart lassen mich über etwaige sprachliche Redundanzen hinwegsehen. Zumindest zu diesem Zeitpunkt. Und mein Interesse ist groß, lebt er doch in einer völlig andere Lebenswirklichkeit: Erfolgreich in der Kreativbranche unterwegs, international aufgestellt, organisiert, zielstrebig, freundlich, empathisch. (Durch eine einfache Überprüfung der Internetpräsens lässt sich auch Erstgenanntes bestätigen.) Ich bin wirklich gespannt ihn in echt kennenzulernen.

 

Er holt mich mit seinem Auto am vereinbarten Treffpunkt ab. Das ihm Autos wichtig sind, hat sich auch schon aus der schriftlichen Korrespondenz herauskristallisiert. Irgendein Audi A-irgendwas. Auf alle Fälle leuchtet das Armaturenbrett… das ist mir aufgefallen. Das die Karre auch mega gut beschleunigen kann, demonstriert er mir im Laufe des Abends auch noch. Weshalb ich nun auch weiß, dass dieser Audi A-schieß-mich-tot keine Angstgriffe über der Beifahrertür besitzt, denn meine Hand greift in dem Moment panisch ins Leere. Mein Rechter Fuß bremst - auch panisch - ein Pedal, was auch nicht existiert und ich habe kurz Zweifel, ob die LED-Amatur immer noch so stylisch aussieht, wenn ich einmal das eben einverleibte vegane Schnitzel darüber erbrochen habe.

Aber trotz dem zwischenzeitlichen rumflexen und männlichen Imponiergehabe, ist er doch ein sehr netter Kerl. Vielleicht sollte ich das ignorieren… das ist nur Unsicherheit… vielleicht sollte ich das eher als süß einschätzen und nicht unangenehm finden. (kurze Notiz: Nein. Wenn ich etwas als unangenehm empfinde, dann ist es in diesem Moment unangenehm. Punkt.) In diesem Moment deute ich sein Verhalten aber  so, dass er mich noch zu wenig kennt, um zu wissen, dass mich solche Statussymbole eher abschrecken als anziehen. Es ist also an mir, ihm mehr von mir preiszugeben, damit er sich, als empathische Person, die er ja zu sein scheint, darauf einstellen kann. (kurze Notiz, die etwas länger ausfällt: Selbstgerechtes und Selbstreferenzielles Verhalten, wie er es an den Tag legt, sollte nicht Grundlage eines Transformationsprozesses sein. Sondern ein Ausschlusskriterium. Ich habe hier einen Großkapitalisten sitzen, der sich gut ausdrücken kann und seine manipulative Art hinter einen urban-emphatisch-woken Männerbild versteckt. - Und eine change.org Petition zu unterschreiben oder mit dem eigens verdienten Blutgeld angesagte Projekte zu unterstützen, ist kein soziales Engagement. Das setzt sich mit einer Vorstellung von Altruismus gleich, auf die sich ganz einfach einer runtergeholt werden kann. Des weiteren fällt immer wieder der Begriff links-grün versifft. Ein Begriff, der sich als Zuschreibung aus der rechten, konservativen Ecke für Personen entwickelt hat, die eben kein rechtes ,konservatives (inzwischen auch querdenkerisches)  Gedankengut teilen. Außerdem lässt sich feststellen, dass Personen, die sich als links-grün bezeichnen, sich meist nicht mit Politik oder den politischen Gegebenheiten auseinandergesetzt haben. Links und grün kann nicht zusammengedacht werden, bedienen sie doch im heutigen politischen Diskurs eine unterschiedliches Klientel.)

 

Wer sich jetzt fragt: Sind wir auf nem Politikkongress oder bei einem Date? Ja, daran zeigt sich vielleicht auch, was mir beim Kennenlernen eines Menschen wichtig ist. Oder um es mit dem Spruch zu sagen, den ich auf der Hauswand in Chemnitz-Sonnenberg entdeckt hatte: Kein Sex mit Nazis.

Das bringt mich noch dazu über eine weitere Wahrnehmungsebene zu sprechen.

Sein Phänotyp würde im allgemeinen dafürhalten als „sehr gut aussehend“ eingeschätzt werden. Generell sehen für mich aber alle Menschen in ihrer Gesamtheit gleich aus. Was sie unterscheidet, ist ihre Performance, ihre Bewegungen, worüber sich die körperlichen Gegebenheiten erschließt lassen. So fallen mir seine unheimlich geraden und weißen Zähne nur auf, weil sich den ganzen Abend dort ein Korn am zweiten, rechten Schneidezahn sehr hartnäckig hält. Die spannenden Narben an seinen Händen und das gute Parfüm werden mir nur gewahr, weil er im Restaurant näher an mich ran rutscht, um mir etwas auf seinem Handy zu zeigen. Was auch noch heraussticht sind seine Augen, weil er mich einfach die ganze Zeit anschaut (übrigens auch beim Autofahren) … und da sind wir an einem ganz entscheidenden Punkt. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt geschmeichelt fühlen soll oder ob ich einfach kommunizieren muss, dass mir das zu nah ist. Sowas hat auch nichts mit magischer Anziehung zu tun, sondern etwas mit Bestätigung und der Vorstellung das Intimität etwas mit Körperlichkeit zu tun haben muss, aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

Wir überlegen noch etwas trinken zu gehen. Und als wir durch die Straßen laufen, meint er unverfänglich, dass er auch noch Wein daheim hat. Er wohnt hier direkt um die Ecke…. Nachdem ich nicht antworte schiebt er nach: „Oder wir gehen hier rein… ist aber ne Raucherkneipe.“ Er deutet auf die andere Straßen Seite.

„Ich würde mich gern noch irgendwo reinsetzen.“, sage ich direkt.

Die Kneipe ist nicht überfüllt, trotzdem aber sehr laut. Wir setzen uns an einen kleinen, quadratischen Tisch. Bewusst lasse ich ihn erst einen Stuhl auswählen, damit ich mich ihm gegenüber hinsetzen kann und nicht direkt neben ihn. Aufmerksame Hörer:innen werden jetzt feststellen, wenn man bei einer Verabredung schon derart in taktische Denkaufgaben versunken ist, spricht das nicht wirklich für die Verabredung.

 

Und hier ist vielleicht ein guter Zeitpunkt um zu intervenieren. Aus diesem kurzen Text ergeben sich ja nun schon nicht wenige für mich unangenehme Situationen. Die Frage steht also im Raum: Warum tut sie sich das weiterhin an? Und Spoiler: Warum trifft sie sich auch nochmal mit ihm.

Das hat viel mit Selbsteinschätzung zu tun. Mein Hang zum Analysieren und Theoretisieren, gemischt mit einer Berührungsangst, also eine tatsächlichen Problematik wenn es um Körperkontakt geht, haben über Jahre dazu geführt, dass ich mich als unnormal empfinde. Alle Berührungen, die bisher stattgefunden haben, waren nicht von mir freigegeben. Aber statt die Personen dafür verantwortlich zu machen, die einfach übergriffig waren, habe ich mir immer selbst Vorwürfe gemacht, warum ich das so anstrengend finde. In Filmen werden doch auch immer die schüchternen Frauen von Männern erobert, indem sie die Initiative ergreifen und dann bei dramatischer Musik die Frau an die Wand pressen. So ein bisschen habe ich Mr. Batman als Ticket in die Normalität verstanden. Weshalb ich erst viel später verstanden habe, was in folgender Situation eigentlich passiert ist:

 

Wie das so ist, kommen wir im Gespräch auch darauf zu sprechen, was ich in meinem Zweitstudium mache. Bzw. war das die ganze Zeit präsent, denn ich kam gerade direkt aus einem Feld was ich beforsche. Ich war drei Tage auf einem Event von fundamentalen Christen unterwegs gewesen… ich hatte also wirklich Redebedarf, gerade mit einer Person, die mir sehr gut zuhören kann und ausnahmsweise mal nicht meine Mutter ist. Wir kommen also auf das Thema männliche Sexualpraxis in charismatischen Gemeinschaften zu sprechen… also ich spreche… er lauscht meinem Referat. (Im Nachhinein weiß ich auch nicht, ob er wirklich interessiert an diesem Thema war oder ob er einfach gut Interesse vortäuschen konnte. Ich vermute mal ersteres, weil der Otto-normal-Verbraucher sich eigentlich wenig darum schert, wie Jesus-Boys geschlechtsverkehren.) Irgendwann fange ich auch an, mich selbst zu langweilen und schließe meinen Vortrag mit einem „keine Ahnung“ ab. Ich will einen Witz machen, um die Situation weniger angespannt zu gestalten.

 

Mr. Batman sieht mich an. Er öffnet den Mund und spricht folgende Worte:

„Also ich hab unheimlich gern Sex. Ich lecke auch unheimlich gern. Ich weiß nicht… bin da auch eher der Geber-Typ.“ Normalerweise würden jetzt zwei Seiten unbedrucktes Papier folgen, um meine Fassungslosigkeit auszudrücken, aber Klimaschutz uns so.

 

Er schaut mich an. Ich betrachte ganz eindringlich die Fantaflasche vor mir. Das ist nicht gut. Das ist nicht gut. Eigentlich will ich gehen. Dann entwickle ich wieder Verständnis für ihn. Für mich aus meiner Position ist das Reden über Sexualität etwas, was mit einem Erkenntnisprozess zu tun hat. Weil ich eben mit wissenschaftlichen Methoden verstehen will, warum sich Menschen freiwillig die Zunge in den Hals stecken. Ich möchte die alltägliche Praxis verstehen, weil ich selbst halt nicht so empfinde. Für Mr. Batman scheint mein Sprechen über die Praxen anderer anscheinend die Aufforderung gewesen zu sein, mich über seine eigenen sexuellen Praxen aufzuklären. Aber die Pause nach seinem Satz suggeriert mir, dass das über ein reines Informieren hinausgehen soll.

 

Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten:

 

1. Wenn ich böse wäre, befrage ich ihn zu dem Thema. Bis ins kleinste Detail. Ich kann das Thema Sex so technisch, analytisch, pseudopsychologisch aufziehen, dass er die nächsten drei Wochen keinen mehr hochbekommt.

 - Aber das will ich nicht. Vielleicht hat er das auch einfach falsch verstanden.

Ich entscheide mich also für zweitens, indem ich ihm auch etwas über meine Sexualpraktik erzähle:

„Ich habe keinen Sex. Noch nie gehabt. Nix. Komplett nix.“

Er schaut mich an. Seine Augen werden noch größer.

„So richtig nichts?“

„Nix. Nix. Nix.“, sage ich vehementer. 

 

Meine Schultern entspannen sich wieder etwas. Jetzt muss er ja verstanden haben , dass –

Mr. Batman presst seine Lippen zusammen. Er beugt sich leicht zu mir vor. Und unter dem Tisch spüre ich, wie sich sein Knie zwischen meine Beine schiebt. Ich bin in schockstarre. Meinen Kopf habe ich in meine Hände gestützt, dabei bohren sich meine Ellenbogen in den Tisch. So sehr das ich am nächsten Tag rote und aufgeschürfte Flecken an den Stellen habe. (Was ich sogar dokumentarisch festhalte. Dieses Foto bringt mich schließlich erst dazu, ein halbes Jahr später diese Geschichte erneut aufzuschreiben. Als ich das Foto finde und mir denke: Das kann doch nicht sein.)

 

Die Auflösung des Abends ist, dass ich mich die nächsten Stunden noch weiter mit ihm unterhalten habe und mich einfach keinen Zentimeter bewegt habe. Schließlich hat er mich vor der Haustür einer Freundin abgesetzt, mit der Bitte mich zu melden, wenn ich wieder daheim bin. Schlussendlich ist diese Anbandelung auch an dieser Aktion dann nach einigen Monaten gescheitert.

 

Aber die Situation spricht dafür wie wichtig es ist zu verstehen, dass Worte einen großen Interpretationsspielraum haben und unterschiedlich gedeutet werden, abhängig von der Sozialisation die wir genossen haben. Meine Aussage, dass ich mit 26 Jahren noch nicht sexuell Aktiv gewesen bin, hat nicht die von mir erwünschte Achtsamkeit in ihm ausgelöst.

 

Mir kommen nur zwei Gedanken dazu in den Sinn, was er wohl gedacht haben muss:

1. Er dachte: „Boah, krass der Frau muss geholfen werden.“

2. Oder: „Ja ja, Schätzelein, du warst ja auch noch nicht mit mir im Bett.“

 

Wieso hat er mich nicht einfach gefragt. War das ein Test? Wollte er wissen, ob ich lüge? An diesem Abend und auch die Tage danach geht es mir sehr schlecht. Nicht weil es in diesem Moment als eine übergriffige Situation empfunden habe, sondern weil ich in meinem Denken immer noch der Meinung war: Das ist normal. Sein Verhalten ist normal. Das ist allgemeine Praxis, den eigenen Körper einer anderen Person aufzudrängen, um Intimität zu schaffen. Und das muss ich lernen. Ich muss lernen, dass auszuhalten, wenn ich in der Welt bestehen will. Während der Busfahrt zurück, bin ich sogar ein bisschen stolz auf mich. Ich habe das ausgehalten. (Erst später kapiere ich, dass es bei Körperkontakt nicht um Aushalten und Überstehen geht… aber das dauert noch ein bisschen)

 

Zum Schluss möchte ich das alles unter der Problematik der „Frauenversteher“ zusammenfassen. Die es nicht gibt. Aber dadurch, dass die Stereotypen von Mann und Frau immer noch vorherrschen, entstehen solche bescheuerten Situationen. Mehr noch die Vorstellung, was gute oder erfolgreiche Intime Situationen sind, werden immer noch in krassen Haben- oder nicht-Haben Kategorien gedacht. Als Beispiel: „Haben nicht gefickt, war aber trotzdem schön.“ Das erzeugt Profilierungsprozesse, die absolut unnötig sind.

 

Mr. Batman auf der einen Seite, der glaubt, er müsse nach einem Bestimmten Schema vorgehen. Statt zu akzeptieren, dass ich vielleicht andere Dinge als spannend, erregend oder attraktiv empfinde, wird mir die Rolle der nerdigen Jungfrau angezogen, der nur mal gezeigt werden muss, dass Sex etwas schönes sein kann… und zwar auf genau die Art und Weise, wie er es bei (angeblich) zahlreichen anderen Frauen erlebt hat.

Und ich will ja auch ins Schema passen, weil ich mich immer wieder dazu zwinge, Situationen auszuhalten, die mir offensichtlich keinen Spaß machen, nur um einmal im Leben Bestätigung von einem Heterotypen zu bekommen. Aber genau, darin liegt die Erkenntnis: Die Erkenntnis, dass nicht nur jede Frau, sondern jeder Mensch individuelle Bedürfnisse hat. Und wenn wir nicht alle so darauf getrimmt wären, unsere Rollen oder auch Anti-Rollen zu spielen, hätten wir auch Zeit unser gegenüber mal zu fragen, wer wir sind oder wer wir - außerhalb von uns anerzogenen Klischees - sein wollen.