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DOKUMENTATION TRAILER MARKETING

Wie  Schnitt und Montage unsere westlichen Sehgewohnheiten reproduzieren...

 

09.10.2020: Ich sehe den Trailer einer Dokumentation*. Über Instagram wird er von mehreren Freund_Innen und Bekannten geteilt. Es geht um die Textilindustrie in Kambodscha. Klassisches konsumkritisches Thema, dass zum Glück im Mainstream angekommen ist. Dennoch lässt mich dieser Trailer von Mode. Macht. Menschen. sprachlos zurück. Er macht mich sprachlos, weil ich vermutlich einen anderen Anspruch an Projekte habe, die sich mit Fair Fashion beschäftigen. Statt einem partizipatorischen Ansatz sehe ich hier Menschen, die zur emotionalen Auf- und Entladung instrumentalisiert werden.

 

Aber in diesem Beispiel  wird das Spannungsfeld zwischen Non-fiktionalem-Film und Marketing besonders deutlich. Ein Trailer ist in seiner Produktion wie in seiner Bedeutung unheimlich wichtig. Weshalb wir bei diesem Trailer auch die marketingstrategischen Gesichtspunkte nicht vergessen dürfen. Ein Trailer erzählt eine Geschichte ÜBER den Film. Ein Trailer muss uns so packen, dass wir uns aus der schieren Unendlichkeit an On-Demand-Angeboten ausgerechnet für diesen Film entscheiden. Weshalb in vielen Fällen der Trailer auch nicht vom Regisseur geschnitten wird, sondern von der Marketingabteilung. Und diese Abteilung hat nicht den Anspruch „Wirklichkeit“ darzustellen, sondern Reichweite zu generieren. – Wobei keine Dokumentation die Wirklichkeit abbildet. Jeder Mensch, der Geschichten erzählt, seien es die eigene oder die von anderen, hat Art und Weisen zu erzählen, hat Narrationsstrukturen erlernt und möchte mit dem, was er tut auch gefallen. Dazu kommen Produzenten, Einschaltquoten, die eigenen Sehgewohnheiten, die eigene Herkunft, Geschlecht und Klasse. Deshalb ist es ganz sehr doll wichtig, dass es viele Dokumentarfilme* gibt. So ist es uns möglich, wir durch diese vielen kleinen subjektiven und hart recherchierten Puzzlestückchen so ein bisschen in Richtung „Wirklichkeit“ zu rutschen. Aber es soll nicht um den Film gehen, sondern um den Trailer.

 

Warum bin ich von diesem Trailer so enttäuscht: Er schafft es, unser emotionales Repertoire anzuzapfen und unsere Sehgewohnheiten des „ärmlichen Südens“ zu befriedigen. Der Thematik nach ist das ja auch der Anspruch des Dokumentarfilms. Die Industriestaaten beuten andere Länder als billige Produktionsstätten aus und dieser Film hat die Absicht darüber aufzuklären. Das steht gar nicht zur Debatte. Das ist auch ein wichtiges Ansinnen. ABER: Aufklärung hat auch immer was mit Verbreitung und Reichweite zu tun. Und hier beginnt meine Kritik am Trailer: Art und Weise, wie der Trailer geschnitten ist, wer zu Wort kommt und wie mit der emotionalen Erwartungshaltung eine größere Reichweite abgegriffen werden soll… diese Art und Weise stigmatisiert und stellt Personen eindimensional dar. Und das ist nicht ok.

Im Trailer werden zunächst zwei Personen vorgestellt. (Im Laufe meiner Auseinandersetzung mit dem Trailer habe ich natürlich viel recherchiert, mir das Projekt angeschaut und auch die Protagonist_Innen durchleuchtet. Das spielt aber an dieser Stelle keine Rolle. Es geht nur darum, was uns der Trailer erzählt. So wie er mir in die Timeline gespült wurde.)

 

00:00: Ein mir unbekannter Mensch, der sich dadurch auszuzeichnen scheint, dass er nachts gern an gläsernen Balkons abhängt, starrt auf eine beleuchtete Stadt. Mit diesem Penthouse-Feeling stellt sich der Mann vor: Willy Iffland, 30 Jahre, lebt in Leipzig. Aber das wichtigste, wie wir nur Sekunden später erfahren: Er hat 170.000 Follower! (Das kurze süffisante Lächeln im Nachgang ersetzt den Satz: Ja, ich bin Influencer.) Damit ist dieser Mensch anscheinend genügend porträtiert, alles wichtige Wissen wir jetzt.

 

00:08: Helen Fares wird uns hier als Akademikerin und Journalistin vorgestellt. Das erfahren wir durch die Bezeichnung SCHWERPUNKT Gesellschaftliche Aufklärung, Psychologie und Hip Hop, was uns eben vermuten lässt, dass sie das studiert hat. (Als Gegenbeispiel heißt es ja Sportjournalistin oder Modejournalistin… nicht Journalist_In mit dem Schwerpunkt Mode.) Weiterhin benutzt Fares bei der Beschreibung Ihrer Motivation für dieses Projekt Buzzwords wie schnelllebige und kapitalismus-orientierte Konsumgesellschaft. Wir bekommen also das Bild einer gebildeten, kritisch engagierten jungen Frau erzählt…

 

00:29: Dann steht 170.000-Follower-Typ in einer engen Straße, die meiner Sehgewohnheit einer Straße entspricht, wie ich sie im globalen Süden verorte. (Die Drohnenaufnahmen, die wir während der ersten 25 Sekunden schon gesehen haben, haben uns darauf vorbereitet. Sandfarbener Boden mit einem Mosaik aus bunten Häusers. Weite Grünflächen mit einsamen Straßen.)

Iffland steht also in dieser Gasse. Die langsame Kamerafahrt auf Iffland zu und seine choreografierte Performance, die mit einem theatralischen Blick in die Ferne endet, gibt uns Zuschauern genügend Zeit, die vermeintlichen Mülltonnen und Müllsäcke im Hintergrund zu entdecken. Nun spricht Iffland von seiner Motivation an diesem Projekt teilzunehmen, denn Mode ist sein Leben und in seinem Beruf dreht es sich täglich um Klamotten. (Ich vermute nun, dass er ein junger Modedesigner ist, der sich einen Namen im Bereich Fair Fashion gemacht hat?) Er bezeichnet sich selbst als Konsummensch und hofft durch das Projekt mehr über die Hintergründe zu lernen. – Wir halten fest. Es geht in diesem Projekt, um etwas womit er sich noch nicht auseinandergesetzt hat.

 

Im weiteren Verlauf werde ich eine Unterscheidung machen. Helen Fares und Willy Iffland werden im weiteren Verlauf als Protagonist_Innen bezeichnet. Dann wird es Expert_Innen geben. Und schlussendlich gibt es noch die Akteur_Innen. Diese Bezeichnung ist eigentlich nicht richtig, weil in meinem Verständnis alle Menschen in einem Feld Akteur_Innen sind. Ich mache diese Unterteilung aber um in der Hierarchie des Trailers zu bleiben. – Aber warum ist es notwendig, dass privilegierte Menschen aus Deutschland in einem Film über die prekären Arbeitszustände in Kambodscha, vor der Kamera sichtbar sein müssen. Es gibt genügend Beispiele, die es schaffen, Akteur_Innen sprechen zu lassen, ohne dass da ein Typ daneben sitzt, der Betroffen dreinblickt. (Zumal Iffland sicher nicht die Sprache der Kambodschaner_Innen spricht und auf eine Übersetzung angewiesen ist.) Warum schneidet jemand den Trailer auf diese Art und Weise? Mir fallen nur drei Möglichkeiten ein:

  1.  Reichweite: Mit öffentlichen Personen im Bild bewirbt sich der Film viel besser.
  2. Die Filmschaffenden halten ihr Publikum für zu blöd, um sich in eine fremde, „kulturell andersartige“ Umgebung zu versetzen und benötigen zur Vermittlung Personen, mit denen sich das Publikum in der eigenen „westlich kultivierten“ Identität wiederfindet.
  3. Weil das halt schon immer so gemacht wird: Der Dokumentarfilm hat eine lange Tradition. Seit der Kolonialzeit reisen Forscher_Innen und gutbetuchte Menschen in die Ferne, um Exotik zu erleben… Wer kennt sie nicht, die Bilder mit dem weißen Forscher, hellgekleidet zwischen weiteren Personen, die damals als „primitiv“ oder heute noch als „dritte Welt“ bezeichnet wurden und werden, weil sie nicht den westlichen Standards entsprechen. Die Anthropologie, Ethnologie, Kunstgeschichte… alles was sich wissenschaftlich und historisch mit diesen kolonialistischen Blicken auseinandersetzt, kämpft um Aufarbeitung dieser kolonialen Sichtweisen. TROTZDEM ist es immer noch in unserer Sehgewohnheit verankert… die Vorstellung von „da unten“ und sie wird bis heute reproduziert. Siehe dieser Trailer.

Ein vierter Punkt wäre die Transparenz, sprich wenn Fares und Iffland redaktionell oder anderweitig an der Produktion beteiligt sind, wenn sie die Sprache sprechen etc. Um das sichtbar zu machen, könnten sie im Trailer auftauchen. Aber über deratige Tätigkeiten werden wir nicht informiert. Nur darüber, was sie legitimiert, vor der Kamera aufzutreten. Es gibt keinen Grund, warum diese fremden Personen soooooo viel Screentime bekommen.

 

Wir haben also, ob ich das will oder nicht, die zwei Protagonist_Innen

Hier wird eine starke Dichotomie aufgebaut: Auf der einen Seite die Journalistin, die sich so erklären kann, dass es natürlich Sinn ergibt, dass sie in dieser Dokumentation dabei ist. Sie tritt bis zum Schluss als Kämpferin auf. Wenn sie erzählt, benutzt sie ihre Hände zum Gestikulieren. Sie verlässt sogar den Standpunkt einer Journalistin, in dem sie mit Akteur_Innen körperlich wird und auf diese Weise Trost spenden kann/soll/darf. Auf der anderen Seite: Ein Konsument, mit vielen Followern. Bei Iffland scheint das Harry-Potter-Prinzip zu greifen: Wie erkläre ich eine Welt, die schon immer da gewesen ist, einem Publikum, dass jetzt erst von ihr erfährt? Ganz klar, auch mein Protagonist kennt diese Welt nicht und so kann das Publikum gemeinsam mit ihm diese Welt entdecken.

 

Das passiert auch ab 00:40 eingeleitet durch eine gefilmte Taxifahrt auf einer staubigen Straße, die uns gemeinsam mit Iffland zu einem Haus führt aus dem eine einarmige Frau gelaufen kommt. Über den Untertitel erfahren wir schon eine Sekunde eher, dass sie einen Arm verloren hat. Diese Akteurin hat keinen Namen. Sie sagt nur drei Sätze zum Verlust ihres Armes. Alle drei Sätze beziehen sich auf ihre Emotionen. Weder erfahren wir, wer sie ist, noch wie sie den Arm verloren hat. Was wir zu fühlen haben, macht uns der Schnitt wieder deutlich, denn Iffland wird mir bedrücktem Gesicht eingeblendet.

 

Sollte das nicht reichen, bekommen wir bei 01:06 wieder eine Drohnenaufnahme, der Sonnenuntergang emotionalisiert nochmal. Die Screentime der einarmigen Akteurin (ich würde sie gern anders nennen, aber mehr Information habe ich nicht über sie bekommen) scheint vorbei zu sein.

 

Fares bekommt das Wort. „Ich glaube mich erwarten Zeiten, die mich emotional ganz schön aufwühlen werden.“ (01:08-01:11) Wir sehen sie am Straßenrand sitzend, dann in nachdenklicher Pose. – Spätestens jetzt muss auch der letzte verstanden haben, dass das alles ganz schön emotional ist… oder?

 

Von 01:14 bis 1:45 kommen die Expert_Innen zu Wort. Es wird ernst genickt. Auch hier erfahren wir nicht, wer diese Menschen sind. Es folgen Aufnahmen aus den Lagerhallen und Produktionshallen.- Natürlich hochstilisiert zu symmetrischen Anordnungen, bei denen jedem Bildgestalter die Hose aufgeht. Mehr noch: Durch das Spiel mit dem Sonneneinfall, der Musik im Hintergrund, werden Situationen so ästhetisiert, dass uns emotional wieder etwas abflachen lassen. Obwohl der Tonfall der Expertin sehr ernst ist. Wir sehen hier den Beginn eines visuellen Decrescendos. (Und warum wird ein Musikstück nach dem ersten Crescendo erstmal wieder leise? Genau, damit man im Nachhinein nochmal lauter werden kann. Lassen wir das im Hinterkopf.)

Die Entspannung setzt sich fort. Iffland erzählt uns, was für ein Mensch er ist. Er spricht über den Verkehr, die Menschenmassen, knüpft Kontakt zu Einheimischen. Er ist sogar kurz witzig. Die Sequenz endet mit der niedlichen Aufnahme, wie ein weißer, großer Mann ganz eng zwischen vielen kleinen Frauen sitzt und die Busfahrt genießt. – Der Klassiker.

 

2:30: Fares spricht darüber, dass sie glaubt, dass sie Menschen treffen wird, die sie bewegen. (Obacht, Emotionen werden geladen.) Schließlich spricht eine fremde namenlose Frau genau einen Satz, der sie dahingehend ausweist, dass sie etwas für ihre Gemeinschaft „our community“ tun möchte. Das war auch schon der ganze Auftritt dieser Frau.

 

02:42: passiert dann das, worauf uns der Ton schon vorbereitet hat. Die Stimmung (er-)bricht auf. Plötzlich singt eine Frau mit theatralischer Stimme. Das Bild zeigt uns eine urbane Nachtszene mit schemenhaften Lichtern, im Halbdunkeln ist Fares zu sehen. Sie lehnt an irgendetwas dran und schaut in die Ferne. Wir sind also bestens auf das Crescendo vorbereitet, dass sich in Form einer weinenden Frau abspielt, die von Fares die Hand gehalten bekommt. Über diese Szene spricht Fares drüber, sodass nach wenigen Sekunden in der Hütte wieder nur unsere Protagonistin im Bild ist, die mit starken Gesten erklärt, das es laut der namenlosen Frau nur fünfzig Euro mehr benötigt, um ihr ein Leben zu sichern, was sie richtig gut findet. Das Narrativ geht aber noch weiter. Die Journalistin als Trösterin, Freundin und Weggefährtin. - In der nächsten Einstellung sehen wir, wie Fares hinter einer Frau (der Kleidung nach zu urteilen die gleiche Frau, die kurz vorher geweint hat) auf ein Moped steigt und gen Horizont fährt. Eine wundervolle Auflösung. – Das Kamerateam wartet bis heute, dass die zwei zurückkommen.

 

03:00: Iffland: „Man kann´s in einem Satz zusammenfassen. Man guckt halt in traurige dunkle Augen. Man merkt das dieser Mensch einfach unglücklich ist und das nimmt einen mit.“ – Diese Aussage ist spannend zu differenzieren. Zumal wir bei den ganzen drei Sätzen auch wirklich sein Gesicht sehen. Denn was sich hier nach einem verallgemeinerten „man“ anhören könnte, ist eher der Versuch etwas von sich selbst emotional wegzuschieben. Vermutlich, weil es ihn wirklich betroffen macht. An dieser Stelle sei auch nochmal gesagt, dass ich weder die Emotionen, noch die Aussagen an sich kritisiere, sondern die Art und Weise, wie hier Bild und Ton montiert worden sind. Auch die Aussage: „Ich bin ganz eindeutig an dem Punkt angelangt, wo ich anfange darüber nachzudenken, ob das alles in der Form Sinn macht.“, kaufe ich ihm komplett ab. Ich denk das auch jeden früh beim Aufstehen. Der Trailer vermittelt uns bei Iffland einen Erkenntnisprozess. Ein Prozess, der vermutlich auch der des Publikums sein soll. Seine Erkenntnisse vermittelt er in einfacher, manchmal stockender Sprache, was ihn schon fast sympathisch macht.

 

03:13 folgt eine kleine Zusammenfassung, indem einmal die Kamera um Iffland herum und einmal auf Fares zu fährt. Anschließend geben Protagonist_Innen und eine Expertin nochmal ein Statement ab. Fares Feministin-Ausruf wird visuell durch eine innige Umarmung mit der namenlosen, weinenden Frau unterstützt. Zum Schluss gibt es wieder eine Drohnenaufnahme über der Stadt mit gold-gelbem Himmel.

ENDE.

 

Welche Story haben uns die Trailer-Macher_Innen also geliefert? Eine Geschichte, die wir schon lange lange kennen. Statt uns eine Sicht der Textilarbeiter_Innen, der Aktivist_Innen und Expert_Innen schmackhaft zu machen, bekommen wir hier eine Heldengeschichte von zwei privilegierten Menschen serviert, die die Betroffenen namenlos und identitätslos zurücklassen. Warum stehen nicht die Kambodschaner_Innen auch im Trailer im Mittelpunkt? Der Trailer schafft es, dass mir die beiden Protagonist_Innen unheimlich unsympatisch erscheinen. Irgendwie von 2015, denn das Thema FairFashion ist nicht neu. Und sich in einem Film darüber zu echauffieren und seine Gefühle zu dem Thema äußern zu müssen… ist wirklich nicht angebracht. Zumal zum Beispiel Iffland keine fünfzehn ist, sondern verdammte 30 Jahre alt. Auch die Phrasen, was sie vom Projekt erwarten… Das Einfügen dieser Sätze ist eine sehr langweilige Lösung, um dem Publikum zu sagen, was es erwarten kann. (Ersetzt in den Sätzen einfach mal das „ich“, mit einem „ihr“ und ihr versteht, warum die Trailerproduzent_Innen diese Sätze überhaupt eingefügt haben.)

 Ich bin mir sicher, dass die zwei nur durch den Aufbau des Trailers so naiv rüberkommen. Ich wünsche mir, dass diese Personen nicht aufgrund ihrer Reichweite ausgewählt worden sind. Ich wünsche mir, dass das nur eine Marketing-Masche ist. Das der Film einen anderen Fokus hat. Und trotzdem: Stellt euch einfach mal vor, ihr wärt diese Frau, die ein Filmteam in euer Haus lässt, die ein Interview mitmacht und dabei in Tränen ausbricht. Ihr brecht in Tränen aus. Und dann seht ihr diesen Trailer und seid dort so abgebildet. Aber wo ist die Schamgrenze? Wieso muss der Trailer unsere Sehgewohnheiten bestätigen, obwohl es so ein partizipatives Thema ist?

 

Wir müssen uns bewusst machen, dass der Dreh ein Prozess ist. Wisst ihr was das für ein ekliges Gefühl ist, wenn Menschen weinen und ihr müsst die Kamera draufhalten? Wenn jemand intime Dinge erzählt, sich schwach fühlt. Natürlich sieht es in der Perspektive erstmal so aus, als würde man nur mit der Journalistin allein sprechen. Aber natürlich steht dort noch ein ganzes Team im Raum. Regie, Kamera, Ton. Und ich gehe auch stark davon aus, dass die Akteur_Innen, wie jeder normale Mensch auch, es nicht gewöhnt ist, im eigenen Haus gefilmt zu werden. Dieses Vertrauen auszunutzen und dann einen reißerischen Trailer zu schneiden, der die Personengruppe in den Blickpunktstellt, die für vieles Leid verantwortlich ist… das ist nicht gerecht. (Bzw. kennen wir das von RTL und anderen beschissenen Sendern.)

Die Perspektive, die in diesem Trailer eingenommen wird, ist einfach unnötig.

Um das noch etwas deutlicher zu machen: Wir regen uns darüber auf, wenn Eltern ihre Kinder im Internet zur Schau stellen, aber hungernde Kinder aus Krisengebieten sind ok? Für die Sache? Für die Spenden?

 

Ich glaube dem Trailer nicht, dass die Leute, die den produziert haben, hinterher die Frauen kontaktiert haben und gefragt haben: „Ist das so ok, dass wir dich so zeigen?“

 

Keine Redezeit für die Menschen, die unter prekären Umständen unsere Kleidung herstellen. Wer reden darf, sind die, die Klicks erzeugen und Reichweite haben.

 

Aufklärungsarbeit sollte nicht erst im Film anfangen, sondern schon im Marketing.

Ab dem 11. November wird MODE. MACHT. MENSCHEN. episodenweise unter https://www.youtube.com/user/rosaluxstiftung/ veröffentlicht. Ich hoffe inständig, dass der fertige Film nicht diese Schiene fährt und mich positiv überrascht. Schließlich sind wir von den Trailern im fiktionalen Filmbereich meistens enttäuscht, weil sie mehr Action und Emotion versprechen, als eigentlich drin ist. Ich bin guter Hoffnung, dass das hier auch so ist.

 

 

 * Der Begriff "Dokumentation" ist ein alltäglicher Begriff, der irgendwie immer ohne Definition auszukommen scheint. Er vermittelt Neutralität, Objektivität und manchmal sogar Wissenschaftlichkeit. Im Moment der Artikelveröffentlichung ist es mir noch nicht möglich herauszufinden, nach welcher Definition und welchen Ansprüchen hier ein Dokumentarfilm erarbeitet wurde. Ich benutze diesen Begriff, weil die Filmschaffenden ihn selbst für Ihr Werk beanspruchen. 


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